(Email, Johns Hopkins)
Die Stimme und das Ereignis des Erzählens in Robert Musils Die Amsel
In Robert Musils Meisternovelle Die Amsel berichtet der charismatische Ich-Erzähler Azwei seinem besten Freund Aeins von drei Ereignissen, die seinem sonst mittelmässigen und regelmäßigen Leben unvorhergesehene Wendungen beigebracht haben. Gemeinsam ist diesen Ereignissen, dass sie sich zuerst und vor allem im Modus des Hörens vollziehen. Es ist in allen drei Fällen eine rätselhafte Stimme, die den Erzähler Azwei ruft und ihn seiner Singularität versichert.
Der „Gesang“ der titelgebenden Amsel trifft Azwei wie ein „Signal“. Auch in der zentralen Geschichte im Schützengraben des ersten Weltkriegs ist von einem zeichenlosen „feinen Gesang“ die Rede, einer „Botschaft“, die jedoch ohne Auftrag ist, weil sie nichts bezeichnet. Die Stimmen sind nur an Azwei gerichtet, niemand ausser ihm ist Zeuge der Ereignisse. Mit einigen Passagen aus Jean-Luc Marions Buch Being Given lassen sich die Laut-Ereignisse in der Amsel als Rufe verstehen, die in ihrer Struktur von einer ursprünglichen Responsivität des beschenkten Subjekts abhängig sind. Der (An-) Ruf erschöpft sich nicht in seiner signifikativen Bedeutung, er erfüllt seine Bestimmung erst durch eine Antwort, durch die Entgegnung. Ohne diese Entgegnung ist der Ruf bloßes „Rauschen“ eines Phänomens. Wenn Azwei am Ende seiner Erzählung von seinem Freund nach einem gemeinsamen Sinn der Geschichten gefragt wird, antwortet er: „Wenn ich den Sinn wüßte, so brauchte ich dir wohl nicht erst zu erzählen. Aber es ist, wie wenn du flüstern hörst oder bloß rauschen, ohne das unterscheiden zu können.“
In einem zweiten Teil des Vortrags soll das Verhältnis von Phänomen (die Stimme) und Textualität untersucht werden. Struktur und Sprache der Erzählung geben Anlass, in ihr ein Experiment auf die Ereignishaftigkeit des Erzählens, oder auf die Erzählbarkeit des Ereignisses, zu lesen. Azwei, schon seinem Namen nach eine Variable des Erzählens, windet sich durch eine Vielzahl von rhetorischen Manövern, um den Wahrheitsgehalt seines Sprechens zu testen. Wie müssen die rätselhaften Stimmen, die seine Ichwerdung maßgeblich verändern, im Verhältnis zu Azweis Stimme als Erzähler verstanden werden? Wie verhalten sich Medium der Stimme und Medium des Textes zueinander? Kann überhaupt vom Ereignis erzählt werden? Ist nicht die singuläre und sprachlose Responsivität, für Marion der phänomenologische Kern des Ereignisses, der kollektivistischen Geste des Erzählens verborgen?